„Wir machen unser Ding ….“ – ein Dokumentarfilm über „Aphasiker“

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Berührende Premierenveranstaltung im „Caligari“, Wiesbaden
Eine Rezension von Christiane Steitz
 
„Das ist ein Film, der ungeheuer Auftrieb gibt, der auch ganz normalen Leuten Mut macht, solchen, die eben bislang NICHT ihr eigenes Ding machen, die dazu zu ängstlich oder zu zögerlich sind! Man sagt sich doch: wenn ein Mensch mit einer Sprachstörung nach einem Schlaganfall sich das traut, z.B. eine eigene Gruppe zu eröffnen, eben „sein eigenes Ding zu machen“, was hält mich eigentlich ab davon, ich bin ja gesund …“. Diese Aussage eines jungen Zuschauers, trifft vielleicht den Kern der positiven, fast überschwänglichen Resonanz, auf die der kleine Film über Menschen mit Aphasie („Sprachverlust“) bei seiner Erst-Aufführung im Kino Caligari am 12.5.2017 traf.
 
Harald Pulch und Claudia Neubert, die beiden Filmemacher, sind ein außergewöhnliches Team: Harald Pulch hat sich zum ersten Mal nach seinem Schlaganfall wieder getraut, an seinem früheren Beruf als Regisseur und Filmprofessor anzuknüpfen und dabei seine Aphasie zu thematisieren. Claudia Neubert, seine Sprachtherapeutin, hat ihn nicht nur ermutigt, diesen Film zu machen, sondern zeigt in ihren Interviews, wie sie mit Empathie und Professionalität die Protagonisten dabei unterstützt, sich und ihr Thema „zur Sprache zu bringen“. Der Film zeigt die 6 Protagonisten in ihrem Zuhause und im Kontakt mit den vielfältigen Angeboten der Aphasiker-Selbsthilfegruppen, die mit großem Elan, aber auch mit Fürsorglichkeit und Wärme neue Orientierung geben.
 
Am Premierenabend werden die Filmemacher doppelt überrascht – zunächst vom unerwarteten Andrang des Publikums (lange Schlangen vor der Kasse, bei Beginn ein wahrlich volles Kino), später von der Welle der Sympathie, die ihnen, den Protagonisten und den zahlreichen Filmschaffenden, die ohne Honorar gearbeitet hatten, entgegengebracht wird.
Die Veranstaltung, die die Filmemacher gemeinsam mit dem Kulturamt Wiesbaden rund um den nur 25 Minuten langen Dokumentarfilm „gestrickt“ haben, erweist sich als Glücksfall einer Begegnung von „Normalen /Gesunden“ mit denen, die nicht so viel Glück hatten: Menschen jeden Alters, die aufgrund einer Erkrankung, oft eines Schlaganfalls, nicht mehr flüssig sprechen, nicht mehr lesen, nicht mehr schreiben, oft kein „normales“ Leben mehr führen können. „Aphasiker“, so der medizinische Name, sind nicht nur auf der Leinwand zu sehen, sie treten auch mutig und überzeugend mit ihrem Chor „AphaSingers“ auf und sie sitzen zahlreich im Publikum und melden sich zu Wort im Publikumsgespräch, das Harald Pulch und Claudia Neubert gemeinsam moderieren.
„Wir machen unser Ding“ verbindet große persönliche Nähe mit einem hohen professionellen Niveau – auch was die filmische Gestaltung angeht. Als die Idee zum Film entstanden war, boten spontan viele ehemalige Studenten von Harald Pulch (inzwischen in der Filmbranche tätig) ihre kostenlose Mitarbeit an. Auch die Filmmusik ist als Geschenk extra für den Film entstanden.
 
Eine mit Harald Pulch befreundete Zuschauerin drückt es in einer Mail an ihn später so aus und trifft damit die Stimmung des Abends: “Das war eine ganz besondere Veranstaltung. Ich glaube, die meisten Anwesenden waren sehr berührt. Die liebevolle und ehrliche Atmosphäre hat alle irgendwie erfasst. Viele der Anwesenden haben sich zum ersten Mal mit Staunen in das Thema hineinversetzen können. Mir ist die junge Frau im Kopf geblieben (sie meldete sich beim Publikumsgespräch), die zwei Worte sagen konnte: „Freunde“ und „Zukunft“. Das waren die wichtigsten Worte. Ich kann verstehen, dass Du danach glücklich warst.“
 
Filmvorführung, Publikumsgespräch und Danksagung für die Mitwirkenden (Protagonisten und Filmschaffende) wurden umrahmt von kurzen Auftritten der AphaSingers. Danach wurde  diese ungewöhnliche Veranstaltung noch fortgesetzt von vielen Zuschauern, die sich mit den Filmleuten im Foyer vermischt haben und sich noch lange bei einem Wasser, Bier oder Wein in diese Begegnungen  vertieften.
 
Der Film, der auch von der AOK-Selbsthilfeförderung finanziell unterstützt wurde, steht nun allen Interessierten frei im Internet auf der Plattform „Vimeo“ zur Verfügung:
 
Wir wünschen Ihm viele weitere Zuschauer und eine große Verbreitung
Herzlichst
Eberhard Volker Prollius