Weltweit einmalige Studie belegt Wirksamkeit intensiver Sprachtherapie bei chronischer Aphasie

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Nach dem Schlaganfall zurück zur Sprache finden: Weltweit einmalige Studie belegt Wirksamkeit intensiver Sprachtherapie bei chronischer Aphasie

Münster (mfm/sm) – Die Erkrankung „Aphasie“ lässt sich aus dem Griechischen mit „Sprachlosigkeit“ übersetzen. Den Betroffenen fehlen dauerhaft die Worte. An der Universität Münster hat eine Arbeitsgruppe von Sprachforschern und Sprachforscherinnen eine Studie zur Wirksamkeit von intensiver Sprachtherapie bei Patienten und Patientinnen durchgeführt, bei denen die Aphasie durch einen Schlaganfall ausgelöst wurde und bereits sechs Monate oder länger zurücklag. Das besondere dabei ist, dass dies die weltweit erste Studie in einer Patientengruppe mit chronischer Aphasie ist, die unter regulären klinischen Bedingungen an verschiedenen Zentren stattfand und eine nicht behandelte Kontrollgruppe einschloss. Die aktuelle Ausgabe der Fachzeitschrift „Lancet“ veröffentlicht Belege der Erkenntnisse, die Sprachtherapeuten und Sprachtherapeutinnen und Rehabilitationsmediziner und Rehabilitationsmedizinerinnen zwar aufgrund von klinischen Erfahrungen bereits kannten, zudem allerdings bis jetzt ausreichende wissenschaftliche Nachweise fehlten. Die große Bedeutung dieses Projektes liegt dementsprechend in der nun nachgewiesenen Evidenz.

Bei Menschen mit chronischer Aphasie haben ca. 85% der Fälle zuvor einen Schlaganfall erlitten, wodurch das „sprachliche Netzwerk“ im Gehirn geschädigt wurde. Dies hat zufolge, dass die Patienten und Patientinnen beim Sprechen und Verstehen der Lautsprache, als auch beim Lesen und Schreiben beeinträchtigt sind, wobei die Schwere der Aphasie von Mensch zu Mensch natürlich unterschiedlich ist. Ein Problem ist, dass die deutschen Krankenkassen die Kosten für eine Behandlung nicht ohne Weiteres übernehmen, obwohl die Leitlinie der deutschen Gesellschaft für Neurologie seit über zehn Jahren eine Intensiv-Sprachtherapie als den best möglichen Weg zur Besserung empfiehlt. Bisher war der Grund dafür die fehlende wissenschaftliche Evidenz: Der Mangel an Ergebnissen aus multizentrischen, randomisierten und kontrollierten klinischen Studien, welche die Wirksamkeit der Therapie hinreichend stützen. Diese liefert aber nun das Projekt der „FCET2EC study group“ unter der Leitung von Privatdozentin Dr. Caterina Breitenstein aus der münsterschen Uniklinik für allgemeine Neurologie. Mit Erfolg nahmen deutschlandweit 19 ambulante oder (teil-)stationäre Kliniken, sowie Rehabilitationszentren mit 156 Menschen mit schlaganfallbedingter chronischer Aphasie an der Studie teil.

„Für unser Forschungsvorhaben kamen nur solche Patienten in Frage, bei denen der letzte Schlaganfall vor Therapiebeginn mindestens sechs Monate zurücklag und die eine dauerhafte Sprachstörung zurückbehielten. Nach einem halben Jahr sind die Symptome einer Aphasie verfestigt und es ist ohne intensive Behandlung nicht mehr mit einer Besserung zu rechnen“, erklärt Neurowissenschaftlerin und Erstautorin Breitenstein. Die Betroffenen absolvierten als Erstes innerhalb der Studie Sprachtests, um den Leistungsstand festzustellen. Nach der Bestimmung des Störungsbildes und Schweregrades wurden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in zwei zufällige Gruppen aufgeteilt. „Für die Eine begann sofort eine dreiwöchige intensive Sprachtherapie, für die andere, die Kontrollgruppe, erst nach ebenso langer Wartezeit“, so Breitenstein.

In der Behandlungszeit absolvierten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen mindestens zehn Stunden in der Woche in Einzel- und Gruppensitzungen ein individuelles Programm: Der linguistische Teil bestand bespielsweise aus Wortfindungsübungen, wie fehlende Begriffe in Lückensätzen zu ergänzen, immer und immer wieder. Die Sätze hatten stets den Mittelpunkt auf Situationen aus dem Alltag. Die Forscher und Forscherinnen vermuten, dass durch das ständige Wiederholen das Gehirn nachhaltiger lernt und sie dadurch auch in den entsprechenden Situationen im Alltag schneller die richtigen Wörter zuzuordnen könnten. Durch Rollenspiele, die zum sogenannten kommunikativen Part der Therapie zählen, lernten die Studienteilnehmer und Teilnehmerinnen, ihr gesamtes Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten einzusetzen. Ein typisches Rollenspiel wäre, dass einem Passanten oder einer Passantin, gespielt vom Therapeuten oder der Therapeutin, sowohl mit Worten als auch durch das Zeigen und Zeichen der richtige Weg auf einem Stadtplan gewiesen werden soll. „Mit einem solchen Rollenspiel wollen wir die Patienten ermutigen, ihre Störung auch mit nonverbalen Formen der Kommunikation auszugleichen“, beschreibt die Seniorautorin der Studie, Prof. Annette Baumgärtner von der Hochschule Fresenius, als den Sinn der Übung. Zusätzlich stand jeden Tag mindestens eine Stunde Eigentraining auf dem Behandlungsprogramm.

Nach der Therapie wurde der sprachliche und kommunikative Leistungsstand noch einmal ermittelt, wobei der Vergleich mit den Testergebnissen vor der Behandlung deutlich zeigt, dass sich die verbale Kommunikationsfähigkeit der Studienteilnehmer und -teilnehmerinnen der Interventionsgruppe in bis dahin nicht geübten Alltagssituationen, wie z.B. das telefonische Verschieben eines Arzttermins, nachweislich verbessert hat. Selbst bei den Nachuntersuchungen, ein halbes Jahr später, hielten die erzielten Effekte gewünscht an. Dadurch konnten die Wissenschaftler zeigen, dass eine mindestens dreiwöchige intensive Sprachtherapie mit zehn Zeitstunden pro Woche als Minimum ein wirksames und sogar nachhaltiges Behandlungsverfahren für Schlaganfallpatienten und -patientinnen mit chronischer Aphasie ist. Durch diese positiven Forschungsergebnisse lässt es sich hoffen, dass die Kostenübernahme der Therapie bald einfacher von den entsprechenden Trägern des Gesundheitswesens genehmigt wird. Die Förderer der Studie waren das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Gesellschaft für Aphasieforschung und -behandlung. Maßgeblich beteiligt an der jetztigen Publikation in „Lancet“ waren Wissenschaftler der Unikliniken Tübingen, Aachen, Berlin und Leipzig.

 

 

Quelle:
https://campus.uni-muenster.de/fakultaet/news/studie-belegt-wirksamkeit-von-sprachtherapie-bei-chronischer-aphasie/